Wir sind Familie

Hast du das verdient?

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Jun292011

Wo Neid wütet und Eifersucht quält

Es ist das größere Tortenstückchen, die teure Markenjeans oder das hippe Videogame genauso wie Erfolg, Begabung oder Attraktivität: Der eine hat’s, der andere nicht, oder glaubt zumindest benachteiligt zu sein. Ruck, zuck ist es mit der Friedseligkeit dahin. Ein kleiner quälender Geist namens Neid keimt auf und treibt sein Unwesen. Eifersucht ist nicht gesellschaftsfähig und wird gern verleugnet, aber dennoch kennt sie jeder. Ein Grund zur Besorgnis oder eine allzu menschliche, harmlose Regung? Warum neiden wir; und darf mein Kind eifersüchtig sein?

„Die hat drei Kirschen mehr, hab’s doch gesehen.“ Klar ist Tom schon satt und Kirschen mag er eh nicht besonders. Aber das ist kein Grund, seine Schwester zu bevorzugen. Genau wie gestern. „Schau mal wie putzig unsere Kleine in dem rosa Kleidchen aussieht?“, meinte Mama, stolz auf Anna und den neuen Einkauf. Und Tom: „Süß, wie ein Püppchen! Und ebenso strohdumm.“ – Und Mama war sauer und die Stimmung dahin.
Ja, darf man denn nicht eifersüchtig sein? Brave Jungs sind nicht neidisch. Schon gar nicht auf die eigene Schwester. – Stopp. Das ist Quatsch. Das ahnen wir und das sagen auch die Fachleute. Wer Geschwister hat, der wird sich an ihnen messen. Neidgefühle und Geschwisterrivalität sind unvermeidlich. Wird der Erstgeborene „entthront“, so braucht er Zeit, um sich neu zu positionieren. Das Selbstwertgefühl ist angekratzt, Psychologen sprechen hier von „narzisstischer Kränkung“. Wo der Kleine sich gerade noch durch uneingeschränkte Zuneigung in Allmachtgefühle bettet, wird er plötzlich von seinem Rang verdrängt, in Vergleich, vielleicht sogar in Konkurrenz gesetzt. Was sich da im frühesten Kindesalter vollzieht, findet im Laufe unseres Lebens immer wieder Anklang. Beschränkungen erfahren, Grenzen und eigene Unzulänglichkeiten erkennen, all das kann sehr schmerzhaft sein. Erst sind es die Dinge, die ein anderer hat, dann die Leistungen, die er vollbringt, später herausragende geistige und charakterliche Stärken eines anderen, die am eigenen Ego nagen. Neid ist vorprogrammiert. Die Persönlichkeit muss reifen, um mit Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung dem störenden Unbehagen Herr zu werden.

Selbstachtung bringt Kraft gegen Vergleiche

Kleinkinder können das noch nicht. Mit etwa 2 Jahren entwickeln sie ein Ich-Bewusstsein und beginnen sich einzuordnen, indem sie sich vergleichen. Auch wenn Eltern nach Gleichbehandlung streben, gibt es immer Unterschiede. Und das ist okay. Jedes Kind ist anders, jedes hat seine eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Schwächen. Gleichstellung ist nicht gleichbedeutend mit Gerechtigkeit. Es bedarf viel Fingerspitzengefühl, um die kleinen Individuen zu stärken und fair zu behandeln. Eifersucht lässt sich nicht verhindern, muss aber nicht zwingend schädigend sein. „Ist doch läppisch, das kann ich locker!“, kann auch anspornen. Aus dem Vergleich bilden sich Werte und können Ziele geformt werden, z.B. sportliche oder schulische Leistungen zu verbessern, sich mehr zu pflegen oder auf etwas zu sparen. Nur sollten Eltern Neid nicht bedienen. „Hör auf zu quengeln, ich kaufe es dir ja“, bringt nichts. Vielmehr benötigt das Kind Aufmerksamkeit, um ein Selbstwertgefühl aufzubauen und damit Begrenzungen der eigenen Person zu akzeptieren. Wer das nicht lernt, nicht stark genug wird, positives Lebensgefühl aus eigenen Ressourcen zu entwickeln, läuft Gefahr, sich am Messen zu anderen aufzureiben und kann kaum glücklich und zufrieden leben.

Kinder loben, für das, was sie sind, nicht nur was sie leisten

Das geht einen Schritt nach dem anderen, kann bei fehlender Hilfestellung oder Fehlverhalten der Eltern durch Leistungsdruck und stetigen Wettbewerb zu ernsthaften Problemen führen. Ist der Mensch in sich selbst verunsichert und orientierungslos, so kann Neid in hasserfülltes Streben ausarten. Der Betroffene nimmt sich minderwertig wahr und versucht, die innere Abwertung zu kompensieren, indem er den vermeintlich Bevorzugten diffamiert, auch bekämpft. Konflikte, Intrigen, Mobbing, die Folgen können massiv sein. Neidforscher, wie Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut, warnen: „Tolerant kann nur jemand sein, der so gefestigt in der eigenen Position ist, dass ihn die Begegnung mit etwas Fremdem nicht erschüttert.“ Sonst stelle jedes Anderssein das Selbstsein in Frage und sei latente Bedrohung. Dann gehe der sich benachteiligt Fühlende auf andere los, teils im Kollektiv.
Neid gibt es, immer und überall. Doch die Ausprägungen sind sehr verschieden, können von anspornender Wirkung bis zur Selbst- und Fremdzerstörung weit unterschiedlich wirken. Die Wurzeln werden früh gelegt. Selbstwert ist hier das Zauberwort. Eltern können viel tun, indem sie ihr Kind schätzen, stützen und gemeinsam nach Bewältigungsstrategien suchen. Loben kann helfen, aber nicht für die Highlights und Höchstleistungen, die errungen werden. Es sind die Zwischentöne wie Neigungen und Anstrengungen und die positiven Wesenszüge, die ein Kind schon alleine mit sich bringt, an denen es wächst und Wertschätzung erfährt. Sich selbst als etwas Besonderes begreifen, ermöglicht, zu eigenen Unzulänglichkeiten zu stehen.

 

Zoff, nein danke! Doch ohne geht es nicht

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Mär312011

Konflikte stärken Persönlichkeit und Beziehungen

Streit, klar, den gibt es in jeder Familie. Manche Eltern greifen da schnell durch, andere versuchen, sich zu entziehen und dritte leben ihn aus. Lieber hätten es vermutlich alle, es gebe ihn erst gar nicht. Aber, so Psychologen, Konflikte bereinigen die Seele, stärken das Selbstbewusstsein und schweißen zusammen. Sie sind unerlässlich für die gesunde Entwicklung eines Kindes. Aber was, wenn Streit eskaliert und Wut mit voller Wucht nach außen dringt? Braucht es dann mehr Autorität oder scheuen Eltern nur den Konflikt?

Nun haben wir sie wieder, die Diskussion um richtige Erziehung. Eine Chinesin namens Amy Chua betritt das öffentliche Podium und verkündet, warum asiatische Kinder Spitzenplätze beim internationalen Pisa-Vergleich belegen. Zwang und Verbote präsentiert sie als Erfolgsrezept einer gesicherten Zukunft. Und ruck, zuck werden Stimmen hierzulande laut, die nach mehr Strenge und Gehorsam rufen. Ewiges Diskutieren, Erklären und Auseinandersetzen seien völlig fehl am Platz, deren Credo. „Ohne Autorität geht es nicht“, „Kinder brauchen mehr Grenzen“, „Gute Noten mit Druck und Drill“, so die medienwirksamen Slogans. Hat man ein Problem, braucht man eine Lösung. Deutliche Worte und Schlagkraft gegen Ratlosigkeit, sodann das Prinzip. Ein Wort eine Wahrheit! – Ja, ist das so?
Da wäre das Wort Autorität. Die einen meinen, das besage so viel  wie: „Ich bin der Herr im Haus und lege fest, wo es langgeht.“ Die Berechtigung mag hier eine Art Gottgegebenheit sein; ein autoritäres Erziehungsmodell vergangener Jahre, ohne Legitimation, wie Erziehungswissenschaftler meinen. Manch Elternteil berufe sich auf hierarchisches Altersrecht. Struktur muss sein, da ist man sich auch unter Fachleuten einig. Aber wie streng und wie nachvollziehbar muss die gestaltet werden? Ein etwas differenzierterer Ansatz ist der: „Eltern geben Halt durch klare Grenzen.“ Hört sich erst einmal deutlich an, birgt aber eine Menge Potential an Ungewissem. „Klar“ bedeutet für die einen eine Aussage ohne Wenn und Aber, eine unverrückbare Position. Für andere ist dies mehr ein positiver Ansatz, eine Vorlage, die noch gemeinsam optimiert werden kann. Wie man merkt, kommt man mit Schlagwörtern allein nicht weit, muss man tiefer in die Materie eindringen.

Erziehung geht durch den Kopf am Herz entlang direkt zur Seele

Am besten fängt man mit den Grundelementen an. Hier gibt es einmal Stärke, geistige versteht sich. Ein Pfeiler der Erziehung nach dem Prinzip der Elternkurse „Starke Eltern – starke Kinder“: Nur was ich meinem Kind vorlebe, kann überzeugen. Klare Positionen und Ansagen sind wichtig, müssen aber verständlich sein. Dazu kommt Fürsorge, all das, was man mit viel Aufwand betreibt: Zuhören, Mitfühlen, Reden, Trösten und Aufbauen. Als dritter Pfosten steht dann die Verlässlichkeit. Sie gibt Halt und Orientierungshilfe, dient der Wertevorgabe und als moralische Instanz. Aus diesem Element speist sich auch das familiäre Regelwerk, formen sich die Grenzen und formulieren sich die Konsequenzen bei Regelwidrigkeit. So kommt man dann doch zur klaren Aussage, wenngleich klar eher klardefiniert bedeutet. Also keine Dogmen, darüber besteht Konsens in der deutschen Erziehungswissenschaft. So ist man schnell bei der Familienkonferenz nach Gordon, in der man Dinge ausdiskutiert und Marschrouten gemeinsam festlegt.

 

Nur was, wenn Türen knallen und Dinge durch die Gegend fliegen, wenn Wut sich ungebremst Luft verschafft? Der renommierte Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann vertritt hier eine interessante Position. Er warnt davor, dass man heute allzu gern Konflikte unterdrücke und nach Harmonie strebe. Gefühle werden lieber passiv vor dem Fernseher durchlebt, als real zugelassen. Aber Streit gehöre zum Leben. Und dabei spricht er nicht von „friedlichem Streit“ nach vorgegebenen Regeln und mit leisen Tönen, dem Pseudostreit. „Solches Streiten wird heute breit akzeptiert, aber richtiger Streit, ein harter Konflikt, die Wut eines Kindes und der Zorn eines Vaters, das Geschrei eines Kindes und das Heulen der Mutter erträgt man nicht“, so Bergmann. Dabei sei es für die Kinderseele extrem belastend, wenn Konflikte im Innern verblieben und nicht ausgetragen würden. Nur durch Auseinandersetzung könnten Kinder lernen, wie man mit Wut umgehe, sie erlebe und dann doch etwas bewältige, bevor man sie nach außen entlässt. Nur durch Streit können sie  ausprobieren, wie man klar und deutlich auf Wünsche oder Standpunkte beharrt, auch wenn das Risiken und Konsequenzen nach sich zieht. „Nur durch Konflikte können sie lernen, mutig zu sein. Und nur durch Konflikte können sie lernen, wann es einmal vernünftig sein kann, ein wenig feige zu sein.“
Dabei sind die Eltern das nötige und optimale Gegenüber. Flüchten und den Streit runterdrücken, kann nicht sinnig sein. Selbstkontrolle und spätere Aufarbeitung umso mehr. Ein schwieriger, arbeitsintensiver Prozess, der Nerven kostet. Doch der Gewinn an starken, selbstbewussten und zielsicheren Kindern sollte es wert sein. Neben Respekt gibt es als Dank Akzeptanz und Zuneigung. Wer nach heftigster Auseinandersetzung noch zu einem steht, hat das verdient. Unbedingter Gehorsam bewirkt da etwas völlig anderes, Drill à la Amy Chua ebenso. Denn kann man Kinder klein halten mit der Hoffnung, gerade das mache sie später groß?
 

Wenn Sekunden Ewigkeit werden

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Jan272011

 

Kinder im Umgang mit Zeit

Eine Stunde dauert 60 Minuten, die Minute hat 60 Sekunden: Das ist eine klare Sache. Dann gibt es noch die Monate und die Jahreszeiten, zwar sind die nicht ganz so kongruent aufeinander abgestimmt, aber um der Zeit und den Terminen Herr zu werden, geben sie ein hervorragendes Raster. Zumindest für Mama und Papa. Aber für den Nachwuchs? Denn das mit der Zeit ist eine heikle Angelegenheit. Zeitempfinden richtet sich nicht nach der Uhr. Nur wir Erwachsenen haben es gut antrainiert.

„Ich komme gleich!“, ruft der vierjährige Max. Mama steht ungeduldig in der Tür. Nach 10 Minuten wird es ihr zu bunt. So lange braucht kein Mensch, um seine Fußballhandschuhe zu holen. Der Anblick im Kinderzimmer stimmt sie auch nicht freundlicher: Max hat mit den Handschuhen eine kleine Sprungschanze vom Kopfkissen gebaut. Mamas rufen hat er nicht gehört. „Guck mal, da kommt der BMX-Flitzer!“ Aber Mama macht Stress und Max meint: „War doch nur ‘ne Sekunde!“  
Dabei kann Max schon die Uhr lesen. Wenn der Zeiger oben steht, ist die Stunde voll. Viertel nach drei kann er auch erkennen. Aber die Zeit begreifen, da bremsen Fachleute elterlichen Eifer, kann er noch nicht. Das dauert bis in die Grundschulzeit, auch bis er ein Gefühlt für Zukunft und Vergangenheit entwickelt. Schon in der Physik ist das mit der Zeit nicht ganz einfach. Welche Uhr gibt vor, wann die anderen richtig ticken? Bezugspunkte, Eichwerte und Messtoleranzen, nach menschlichem Seelenleben hört sich das nicht an. Zeitskalierung und Zeitempfinden haben im Wesen nichts gemein. Die Uhr ist eine Erfindung der Menschen, der komplexen zwischenmenschlichen Beziehungen und Wirkungsfelder gerecht zu werden. Zeitstruktur ermöglicht genaue Terminierung und eine Optimierung der Tagesgeschehen. Aber nicht in jeder Kultur hat Zeit den gleichen Stellenwert. Auch ist bekannt, dass Zeit für alte Menschen mit rasender Geschwindigkeit verrinnt. Was ist schon ein Jahr!? Was ist Zeit? Mal mag sie davoneilen, mal regelrecht stehen bleiben. Im Schmerz wird eine Sekunde zur Ewigkeit. Und die Kleinen vergessen sie im Spiel oft komplett.

Druck fördert ‚Aufschieberitis‘

Kleinkinder haben kein Zeitgefühl, leben im Hier und Jetzt. „Sich Dinge vorzunehmen und dann auch in einer bestimmten Frist umzusetzen, muss erst gelernt werden“, so der Psychologe Hans-Werner Rückert. Ordnung halten im Kindergartenalter, Hausaufgaben im Grundschulalter oder die Vorbereitung auf eine Klassenarbeit der Unterstufe, all das erfordert eine ausgewogene Organisation und altersgerechte Hinführung. Unpünktlichkeit oder die weit verbreitete ‚Aufschieberitis‘ ist nicht gleich Bock oder Faulheit, ausgestellte Lässigkeit nicht gleichbedeutend mit Interessenlosigkeit. Oft ist der Nachwuchs einfach mit der Komplexität der Aufgabe überfordert. Meist sind es schon kleine Hilfestellungen, die die Kids motivieren und in Sachen Eigenorganisation voranbringen. Umfangreiche Arbeiten gemeinsam in kleinere Arbeitsschritte packen, vereinzelte Zeiterinnerungen und das Abschirmen vor unnötiger Ablenkung bringen viel. Das Prinzip lautet, den Kleinen unter die Arme greifen, ohne Druck auszuüben. Denn der ist meist der Auslöser des Problems. Forschungen haben gezeigt, es sind nicht die langatmigen, uninteressanten Tätigkeiten, die zu gern verschoben werden. Vielmehr - und da unterscheiden große und kleine Übeltäter sich wenig - sind es Arbeiten, die Stress erzeugen oder von deren Erfolg viel abhängt. Das Referat, mit dem ein Schüler versucht, seine Note aufzubessern, kann das sein. Bewerbungen schreiben ebenfalls. Versagen geht nicht, ein Versuch und alles ist futsch. Haben Kinder nicht gelernt, mit derartigen Belastungen umzugehen, werden diese unterm Schreibtisch begraben. Kurzfristig mag die Bedrohung so gebannt sein, doch unruhiger Schlaf, Konzentrationsverlust und Schuldgefühle lassen meist nicht lang auf sich warten und zerren am Selbstbewusstsein.
Drum ist es wichtig, dass Eltern rechtzeitig der Anspannung entgegenwirken. Prioritätenlisten können helfen, Terminplanungen auch. Aber oft reicht ein kleiner Schubs, der die Arbeit ins Rollen bringt. Der erste Satz bei einem schwierigen Text oder ein Strich in der geometrischen Zeichnung und Blockaden lösen sich. Das kennt man schon aus der Kleinkindphase: Ist ein Teddy erst mal im Regal gelandet, weil Mama erklärt, wie müde Teddy aussieht, zieht er ruck zuck den Rest vom Spielzeugberg hinterher. „Schlaft schön!“ und fertig. Mamas Staunen ist perfekt. Und was sagt der Psychologe? „Mut machen statt kritisieren!“ Scheitern ist Kindern peinlich. Langwierige Vorhaltungen bringen nichts, übertriebene Gelassenheit genauso wenig. Unsere Sprösslinge wollen ernst genommen werden und spüren, dass Mama und Papa sich für sie einsetzen. Das gibt Halt, mit dem sie wachsen und immer mehr Anforderungen bestehen. Kinder brauchen Zeit. Gefühlte Zeit, jenseits allen Zeitmanagements. Denn wenn sie lernen, stoppt die Zeit. Dann bremsen sie rasende Sekunden aus und lassen sie zur prägenden Ewigkeit werden.

 

Wie werde ich ein guter Mensch?

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Dez022010

Wertebildung im Kindesalter

Weihnachten steht vor der Tür. Friede und Freude kommt über die Welt; zumindest wird eifrig daran gearbeitet: Päckchen werden geschnürt, Plätzchen gebacken und Goldsterne gebastelt. Überall blinkt und blitzt es. Leuchtende Kinderaugen, glückliche Verwandte und zufriedene Eltern. An Freunde wird gedacht, sich bei netten Nachbarn und Helfern mit kleinen Präsenten bedankt. Es ist das Fest der Liebe, die Zeit, ein guter Mensch zu sein. Aber was bedeutet das eigentlich? Guter Mensch. Es ist die Zeit, über Werte nachzudenken.

Advent, Advent, sie sind da, die besinnlichen Stunden. Ein Schweif Gutes fliegt durch die Luft. Der Weihnachtsmann und seine Engel lassen grüßen. Auch Christus ist präsent wie kaum sonst im Jahr. Krippenspiele, Weihnachtsmärchen und „Heile Welt-Wunder“ im TV, sie hinterlassen Spuren. Alle reden von guten Menschen und solchen, die es noch werden sollen. Aber woher weiß Knecht Ruprecht so genau, was gut, was böse ist? Welche Werte sind entscheidend in unserer Welt und wie lernt man, ein guter Mensch zu sein?
Ganz klar, da gibt es die Zehn Gebote und das hilft einem weiter. Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen und Vater und Mutter ehren. Zudem weiß man, was zählt. Tugenden wie Fleiß, Rechtschaffenheit und Verlässlichkeit, das sind wichtige Größen. Dann noch Warmherzigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit… Aber Moment mal, da hat man schon anderes gehört. „Der ist wohl total naiv. Als wenn du mit der Wahrheit weiterkommst.“ Oder apropos Hilfsbereitschaft: „Die nehme ich nicht mit, die textet einen immer zu.“ Ganz eindeutig ist das nicht. Die Pädagogin Susanne Stöcklin-Meier stellt in ihrem Buch „Was im Leben wirklich zählt – Mit Kindern Werte entdecken“ fünf Werte in den Mittelpunkt: Wahrheit, richtiges Handeln, Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit. Aber werden diese gelebt? Richtiges Handeln ist heute relativ. Durch die Liberalisierung gesellschaftlicher Normen hat sich Lebensgestaltung wesentlich gewandelt, so Soziologen. Bis in die 70er Jahre hinein wurde von der Jugend Gehorsam abverlangt und selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie herangetragene Verhaltensstandards übernehmen. Heute, das belegen sozialisationstheoretische Studien, übernehmen Kinder eine aktive Rolle in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Werteausrichtung. Einerseits sind sie sozialen und materiellen Lebensbedingungen unterworfen, andererseits streben sie nach der Befriedigung individueller Bedürfnisse. Wertebildung wird zum produktiven Prozess in einem durch Freiheitsgrade geprägten Umfeld. Alles scheint möglich. Und genau da lauert die Gefahr: Freiräume können zu Haltlosigkeit führen und zur  Selbstüberschätzung. Ausrichtungshilfen werden gesucht. Werden diese in der Erziehung nicht klar definiert, werden sie durch Standards einer Konsum- und Medienwelt ersetzt. Der Jugendliche versteckt sich in der Masse, um der schwierigen Selbstfindung zu entgehen.

Konfliktfähigkeit ist die Basis, Werte zu verinnerlichen

Der Verlust eindeutiger Handlungsregeln erfordert mehr denn je den Einsatz von Eltern. Viel zu oft werden Kids allein gelassen. Selbstbewusstsein beinhaltet, sich zu akzeptieren, auch sich abzugrenzen. Toleranz gegenüber Mitmenschen und Mut, sich Gruppenzwängen zu widersetzen, gehören dazu, sind aber wenig angesagt. So wachsen Frust und Hilflosigkeit, die nicht selten in Gewalttätigkeit enden. Faires Streiten will gelernt sein. Mangelnde sprachliche Auseinandersetzung im Elternhaus, fehlende Strukturen und geringe Führsorge lassen die Konfliktfähigkeit sinken. Die nötige Balance zwischen gesellschaftlichen Regeln und eigenen Interessen geht verloren. Wertebildung, so der Soziologe Prof. Dr. Jürgen Mansel, entsteht heute nicht wie früher durch Zwang und Gehorsam, sondern durch Überzeugung. Ein weitaus schwierigerer Weg. Denn: Freiheit bedeutet nicht Laisser-faire. Der erzieherische Einsatz wird unterschätzt. Erklären kostet mehr Zeit als bestimmen, handeln mehr als davon reden. Alltägliche Aufmerksamkeit und Engagement sind unerlässlich.
Auch Stöcklin-Meier betont, Eltern müssen Werte vorleben: „Dass ein eigenes Blumenbeet mit Liebe und Verantwortung zu tun hat. Dass schon Vierjährige herausfinden können, warum Gewaltlosigkeit wichtig ist.“ Achtung von Natur und Leben, Respekt vor Menschen und Toleranz gegenüber einem Anderssein, das sind globale Werte, aus denen sich spezifische, wie Ehrlichkeit und Freundlichkeit, begründen. Wertebildung gibt Halt und Perspektive, stellt das Fundament zwischenmenschlicher Beziehung. „Das funktioniert nur, wenn Eltern und Erziehende sich dieser Herausforderung stellen“, so Stöcklin-Meier. Das heißt auch, eigene Standards zu hinterfragen, um gemeinsam Regeln festzulegen. Im Prinzip ist es gar nicht so schwer. Wie heißt es im Volksmund: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das mut auch keinem andern zu.“ Und eines sollte man bei der Wertediskussion nicht aus dem Auge lassen: „Liebe deinen Nächsten bedeutet nicht, liebe den, der dir am nächsten steht.“ Frohe Weihnachten!

 
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