Gleiches Glück für alle

Okt242011
Geschrieben von: Lothar Wirtz
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Was sich anhört wie eine Anleihe aus dem Marxschen Manifest ist das Ergebnis des Sozialforschers und Autors Richard Wilkinson. In seinem Buch „Gleichheit ist Glück“ greift dieser aber nicht auf kommunistische Grundwerte zurück. Vielmehr belegen Wirtschaftszahlen sein Ergebnis. Was ist dran an der ungerechten Gesellschaft?

Nein, wir führen hier keine Statistik auf, welch Reichtum und Armut in unserer Stadt wie verteilt ist. Das wäre auch alles andere als förderlich, sondern schürt nur den Neid. Wie der eskalieren kann, zeigten in diesem Sommer die Plünderungen und Straßenschlachten in England. Ursprünglich als Reaktion auf eine Verhaftung mit Todesfolge entwickelten sich aus dem ursprünglichen Konflikt tagelange Unruhen in Großstädten, von London über Manchester bis Bristol, ausgehend von der Unter- und unteren Mittelschicht. Europaweit fragten die Medien anderer Staaten erschrocken: „Ist das auch bei uns möglich?“ Laut Richard Wilkinson, dem renommierten britischen Sozialforscher, dessen Werk auf der Insel als eines der wichtigsten des Jahres gefeiert wurde, ja. Denn: Ungleichheit ist die Ursache sozialen Un-Glücks in wohlhabenden Industriestaaten.

Gerechte Gesellschaften für alle besser

Dazu wertete Wilkinson zahlreiche Statistiken aus, die eindeutig zeigten: Je größer die Kluft zwischen Arm und Reich, desto größer die Probleme mit Kriminalität, Gewalt, Drogenmissbrauch, mangelnder Gesundheit, niedriger Bildung. Besonders schlecht schneiden dabei die USA, Portugal und Großbritannien ab, am besten Japan und die skandinavischen Staaten. Hier gibt es bis zu sechsmal weniger Morde und es sitzen bis zu zehnmal weniger Menschen im Gefängnis. Ein wichtiger Grund dafür, so Wilkinson, liegt in der Verbindung zwischen Bildung und Ungleichheit. Aber nicht nur da. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Kooperation wenig zählt (...) und in der das Selbstwertgefühl vor allem auf materiellem Erfolg beruht“, so der Wissenschaftler. Daraus ergibt sich weniger Vertrauen, weniger sozialer Zusammenhalt bei gleichzeitigem Anstieg der Tendenz zur Gewalt. Ein höherer Migrantenanteil in der Gesellschaft, wie von der Politik oft aufgeführt, ist kein Grund. „Schweden und die USA haben etwa einen gleich großen Anteil von Bürgern, die im Ausland geboren sind.“ Und: „Auf lange Sicht wird es einem Mittelklassekind in Skandinavien oder Japan in jedem Fall besser gehen als in den USA.“

So sieht es bei uns aus

USA, England, Japan – was hat das mit uns zu tun? Ein paar Fakten: Die Ersparnisse der Deutschen und ihr Vermögen bewegen sich auf hohem Niveau. Das Nettovermögen der privaten Haushalte belief sich 2007 auf 6,6 Billionen Euro (heute knapp 5 Billionen). Hört sich gut an. Mehr aber auch nicht. Denn nur ein Zehntel der Deutschen besitzt über 61 Prozent dieses Reichtums. Nach oben wird die Kluft immer deutlicher: Von dem reichsten Zehntel besitzt das oberste Prozent der Deutschen 1,518 Billionen Euro. Zum Vergleich: 27 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands verfügen über  kein Vermögen oder sind verschuldet. Kein Wunder, dass die OECD schon 2008 feststellte, dass in keinem anderen Mitgliedsstaat die Einkommens-Ungleichheit und die Armut stärker gewachsen sind als in Deutschland. Nirgendwo. Das ist ernüchternd. Noch herber ist nur der Blick für den Mittelstand und die Unterschicht auf die Reichtums-Uhr. Ja, die gibt es: unter www.reichtumsuhr.de sieht man nicht nur, wie schnell die Schulden in unserem Staat wachsen, sondern auch, wie schnell die Reichen reicher werden. Das sorgt wohl nur beim eben erwähnten oberen Zehntel für Glücksgefühle.

Das macht andere anders

Während die deutsche Politik die Gründe für das Anschwellen der sozialen Kluft in der Globalisierung und dem technischen Wandel sieht und versucht punktuell gegenzusteuern, gehen Schweden und Japan andere Wege. Während die Skandinavier durch steuerliche Umverteilung regulieren, halten die Nippon durch geringe Gehaltsunterschiede den sozialen Brennpunkte-Ball flach. Wilkinson sieht aber in einer anderen Sache den zu ändernden Schwerpunkt: Und zwar in der Frage, „ob wir wirklich nur nach dem Motto leben wollen, dass der Stärkere das meiste kriegt und der Schwächere zurückbleibt“. Aber auch an diesem Punkt stößt man wieder auf eine große Kluft, nämlich der zwischen nickenden Reichen und Kopf schüttelnden Normalvermögenden und Armen.

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