Neutags Satirischer Alltag
Vom Blech trommeln und Takt fühlen
Wer nicht weiter weiß googelt. Wer noch weniger Fantasie besitzt, tippt irgendeine sinnentleerte Silbenkombination bei Wikipedia ein. So auch ich. Aktuelle öffentliche Aufregerdiskussionen kübeln auch dank der neuen Medien innerhalb weniger Stunden so viel undurchdachten Hirnklump ins Universum, dass man das Gefühl nicht los wird, ein ganzer Planet habe, nachdem er seine eigene Überflüssigkeit gefeiert hat, einfach mal die Hirnmasse durch Aktenvernichter geschreddert, um das erzeugte Mus bei einer allerletzten Polonaise als Konfetti in die Luft zu schleudern. Hirn für uns falle, HURRA!
So stell ich mir nach der aktuellen Günter Grass Debatte, gelähmt vom Mehltau des Schwachsinns und kurz vor der intellektuellen Verwesung, nur noch die Frage, wozu wir unser Hirn besitzen, wenn wir uns doch so erfolgreich weigern, es in dunklen Stunden auch mal zu nutzen. Also robbe ich mit letzter Kraft vor den Bildschirm und hacke mit nahezu erlahmten Fingern das Wort Gehirn in die Suchmaske von Wikipedia. Als erster zusammenhängender Satz erscheint:
„Das Wirbeltier-Gehirn verarbeitet hochdifferenziert Sinneseindrücke und koordiniert komplexe Verhaltensweisen.“
Schön und gut, aber wieso differenziert und koordiniert sich nichts, wenn ein alternder Nobelpreisträger eine politische Büttenrede ohne Versmaß und Reimform mit angeblich letzter Tinte in den globalen Blätterwald ejakuliert?
Auf den U-Bootverkauf Deutschlands hinzuweisen, gerade wenn zwei Wochen später Waffen mit deutschen Schiffen nach Syrien transportiert werden ist doch ehrenwert.
Israel allerdings alleine für eine Kriegsbedrohung zu halten, dafür muss man sich schon sehr viel Blech auf die hohle Rübe getrommelt haben. Um dafür einen Kübel Antisemitismus über diesen alten Mann auszuschütten allerdings noch viel mehr. Kann man nicht mehr halbwegs vernunftbegabt über Einschätzungen und Fehleinschätzungen diskutieren? Müssen gleich Antisemitismus und Einreiseverbot her? Und muss man dann als greise Reaktion den Sarrazin´schen Reflex von „das muss gesagt werden“ und „Gleichschaltung der Presse“ bedienen? Wenn man diese Thesen nicht hätte sagen dürfen, wären sie wohl kaum auf Seite eins gelandet und man hätte nicht drei Wochen ungebremst hanebüchenen Unsinn darüber lesen müssen.
Aber warum läßt unser Hirn das zu und differenziert nichts? Weil wir bei Wikipedia erfahren, dass nicht jede Information zur Hirnrinde gelangt.
„Auch beim Menschen gibt es ein solches autonomes Nervensystem. Es koordiniert vegetative Funktionen wie (…) Nahrungsaufnahme, -verdauung und -abgabe, Flüssigkeitsaufnahme und -ausscheidung (…).“
Und da wären die aufgekratzten Zeitgeistdiskussionen auch ideal aufgehoben. Über sowas sollte man nicht allzu lange nachdenken, man muss es aufnehmen und wieder ausscheiden. Was dann hinten raus kommt, unterscheidet sich kaum vom wahren Inhalt der Diskussion. Es bleibt gequirlte Kacke.
Wer dann dabei Verdauungsprobleme hat, der kann sich ja selbst therapieren. Bei Wikipedia.
Prost Mahlzeit!
Ausgewählte Termine Mai 2012:
Soloprogramm „schön scharf“
Sa., 12.05.2012 Theater Flin; Düsseldorf
Duoprogramm mit Martin Maier-Bode:
Doppelpass – ein kabarettistisches Fantraining
Mi., 23.05.2012 Kom(m)ödchen; Düsseldorf
Mi., 30.05.2012 Kom(m)ödchen; Düsseldorf
Jens Neutag Spieltermine finden Sie unter: www.jensneutag.de
Radio gagga
So zumindest stell ich es mir in all meiner Naivität vor.
Doch was macht die alte Tante Radio heute so? Ist sie im Zeitalter von Internet und Ganztags-TV nicht längst abgeschafft? Mitnichten! Bei Autofahrten durch Deutschland, in denen man in knapp vier Stunden mehrere Bundesländer durchfährt, wird man Zeitzeuge einer mehr als lebendigen Radiokultur. Wobei „Kultur“ in den meisten Fällen mehr als eine gelinde Übertreibung ist.
Ums Überleben kämpfen sie scheinbar alle. Da gibt es Privatsender, in denen man, nur durch Zuhören 100.000 Euro gewinnen kann. Wobei der Gewinn durchaus der Kategorie Schmerzensgeld zuzurechnen ist. Noch entwürdigender ist es, wenn der Moderator wahllos Menschen anruft und man gewinnt, wenn man kommentarlos in den Hörer schreit: „Radio Blablubb ist einfach super geil!“. Auf anderen Wellen kann man, wenn man sich irgendwelche Sendeinhalte der letzten Stunden behalten kann, sogar Weltreisen gewinnen. Fürwar ein echtes Geschenk, man darf immerhin für ein paar Wochen das Sendegebiet verlassen! Die öffentlich-rechtliche Gewinnspielvariante heißt nach wie vor Kaffeetasse. Wie im ZDF-Morgenmagazin, da sind sie allerdings von Cherno Jobatey persönlich mundbemalt. Bei diversen Jugendsendern hat man nur noch den Eindruck, hier ist das Radio die akustische Werbeplattform für den Internetauftritt. In südwestlichen Gefilden der Republik funkt die junge Welle immer noch in der aufgekratzten Kirmesrummeligkeit, ganz so, als sei Elmar Hörig noch nicht an der Pensionsgrenze angelangt.
Vielleicht rühren diese Feststellungen auch nur aus dem Trotz, nicht mehr zur Zielgruppe zu gehören. Andererseits, wenn man fast vierzig ist, dann ist das der Geburtstag, an dem „Happy und Birthday getrennte Wege gehen“ (Zitat von Johannes Flöck). Man hat also ein erstes Gespür über die eigene Endlichkeit, will sagen: Das Leben ist einfach zu kurz, um abgebrochenen Germanistikstudenten beim Vortäuschen von guter Laune am offenen Mikrofon beizuwohnen.
Und so bleibt einem halbwegs interessierten Bürger nur die Flucht in die Wortprogramme. Auch ich bin geflohen. Aus Leidenschaft und Überzeugung. Ja, ich bin ein Radio-Wortprogramm-Hooligan. Vielmehr, ich wäre es, wenn dort nicht eine Unsitte verbreitet wäre, dass Hörer anrufen dürfen. Denn Stammhörer von Wortprogrammen halten sich völlig fälschlicherweise für die Elite des Landes. Daraus eine ganze Sendestunde zu machen ist so, als wenn man bei Spiegel online für eine Stunde alle redaktionellen Beiträge verbergen würde, und nur die stumpfen und von Halbwissen und Ignoranz strotzenden Kommentare zeigen würde.
Das sind Momente, in denen man das Radio manchmal noch knarzen hören möchte. Das gibt es heute im Spätprogramm der Jugendsender. Um den Bildungsauftrag, den sie tagsüber im Abdudeln von Hitparaden schmählich verprellen, einzulösen, werden des Nächtens experimentelle Hörspiele ausgestrahlt. Mit Knarzen und Knacken. Und garantiert ohne Kaffeetassen.
Alles krank
Nur übertreiben wir vielleicht mit unserer Vorstellung von krank. Wenn Sie heute mit einem kleinen Juckreiz zum Hautarzt gehen, dann sagt der nicht: „Sie haben einen kleinen Juckreiz“, sondern etwas wie: „ Sie haben eine abnorme, hypersensible Idiosynkrasie.“ Dafür gibt es garantiert eine Spezialsalbe, die die Krankenkasse leider nicht übernimmt, dafür kann man online im Idiosynkrasie-Forum mit anderen Leidensgenossinnen und Genossen in endlosen Chats darüber diskutieren, dass die Herkunft des Juckreizes bisher noch sehr unerforscht ist. Ein leichter Juckreiz ist abnorm, und alles was nicht normal ist, ist krank.
Völlig absurd wird es dann, wenn ein paar Wochen alte Babys Krankengymnastik verschrieben bekommen, weil sie sich noch nicht auf die Seite drehen, obwohl man das mit fünf Monaten tunlichst zu tun hat. Und Eltern stehen dann kurz vor der Panik. „Hilfe mein Kind kann sich noch nicht auf die Seite drehen, es wird bestimmt behindert!“.
Wir halten es mittlerweile für völlig normal, wenn man sich beim Zahnarzt auch die Lippen aufspritzen lassen kann, aber für abnorm, wenn ein Augenlid etwas stärker runterfällt als das andere. Wir begeben uns freiwillig in eine Diktatur der Gleichheit, unser Führer ist Heidi Klum und der Dress-Code H&M. Wenn man Glück hat. Sonst C&A. Neulich ist mir eine Oberstufenklasse entgegengekommen. Vor allem die Frauen sahen sich in ihren Gesichtszügen zum Verwechseln ähnlich. Als erste Erklärungsversuche über eine ländliche Inzuchttheorie ins Leere liefen, stellte ich fest, dass das völlig identische Make-up aus jungen, individuellen Menschen eine Horde von Gesichtsgleichen geformt hatte. Aus der Ferne hatte man den Eindruck, eine Horde Occupy-Bewegte kämen mit ihren Vendetta-Masken auf einen zu. Warum soll nicht auch hier das Prinzip Chiara Ohoven helfen? Ein bisschen Plastik ins Gesicht, und schon geht’s besser. Es sei denn, man erwischt recycelte französische Silikonbusen, die gerade zurück gerufen werden wie früher die Bremsschläuche von Audi.
Aller Fortschritt in Ehren, aber ein wenig Individualität sollten wir uns weiterhin leisten. Ich glaube nicht, dass die Welt besser wird, wenn die Menschen irgendwann auch noch genauso gleich aussehen wie die Reihenhäuser, in denen sie wohnen.
Persönlicher Nachruf auf Reinhard Mlotek
(28.03.1957 – 30.11.2011)
Der langjährige Geschäftsführer des Theater am Schlachthof in Neuss ist Ende 2011 überraschend mit 54 Jahren verstorben. Wie soll man diesen Moment nun mit Worten füllen? Ich weiß, lieber Reinhard, dass Du Geschichten immer gemocht hast, und so möchte ich Deine Geschichte fortschreiben, Deine Geschichte, die so furchtbar abrupt geendet ist.
Lieber Reinhard, als Du uns am Dienstag, den 30. November verlassen hast, kamst Du wahrscheinlich, so stelle ich es mir vor, in den Vorraum zum Jenseits. Gott und Teufel haben ihre Schergen vertrieben, um sich persönlich um Dich zu kümmern. Ein Reinhard Mlotek ist auch hier Chefsache. Nach einiger Zeit der Stille und wohl auch der unterdrückten Bewunderung, erhebt der Teufel als erster das Wort.
„Der gehört mir. Ok, er hat viel geleistet, aber er war nicht perfekt. Er hat Menschen enttäuscht und verletzt. So was kannst Du im Himmel nicht gebrauchen.“
Sofort schaltet sich Gott ein: „Moment! Wenn das das Kriterium ist, dann wäre hier noch nie einer gelandet! Ja, er ist wie alle ein fehlbares Menschenkind. Aber ein ganz besonderes. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, anderen Menschen mit schönen Stunden das Leben zu ergänzen. Er hat fünfzehn Jahre das Theater am Schlachthof geleitet, eine Institution in Neuss etabliert von überregionaler Bedeutung, damit der Stadt und den Menschen einen Ort gestiftet, in dem viele Erdenbewohner ihren Alltag bereichern konnten. Du wirst keine Chance haben, Teufel, der gehört mir.“
Fast erdrückt von der für wahr stichhaltigen Argumentation stand der Teufel kurz davor aufzugeben, aber er wäre nicht er selbst, wenn er nicht, so aussichtslos es auch immer sein mag, eine letzte List probieren sollte. Bedeutungsschwanger hebt er die Stimme und sagt:
„Nun, wenn er so besonders war, dann laß ihn doch selbst entscheiden. Einzigartige Menschen erfordern einzigartige Entscheidungen.“ Gott schaut etwas verdutzt, stimmt schlussendlich aber zu.
Du lieber Reinhard denkst Dir wahrscheinlich: „Immer nur Himmel ist wahrscheinlich auch langweilig, ich nehme mal die Hölle, zur Not bestell ich mir ein Taxi und fahr wieder.“ Triumphierend nimmt Dich der Teufel bei der Hand und fährt bergab. Etwas verwundert über Deine Furchtlosigkeit gibt er noch mehr Gas, und Ihr schlagt mit einem donnernden Dröhnen unten auf. Dieses unfassbare, nie gehörte Dröhnen hat allen bisherigen Neuankömmlingen den letzten Willen gebrochen und sie fristen seitdem schicksalsergeben Ihr Dasein. Und genau darauf witternd, diesen Bruch in Deinem Willen, ja in deinem Gesicht zu erhaschen, schaut der Teufel Dich erwartungsvoll an. Du schaust zurück und sagst: „Wo war der Nebel?“
Der Teufel ist verstört: „Bitte?“
„Wo war der Nebel!“
„Äh, vielleicht habt Ihr auf der Erde einfach eine falsche Vorstellung von hier unten. Die Realität sieht anders aus.“
„Dann ist das Pech für die Realität. Ihr habt keine Ahnung von großer Show, ab morgen will ich hier Nebel!“ Als ultimative Demütigung zückst Du, lieber Reinhard, eine Zigarette aus der Packung, steckst sie Dir in den Mund und fragst: „Haste mal Feuer? Oder muss man hier zum Rauchen in die Raucherecke?“
Und all das ist nur der Anfang einer Nacht, die es dort unten so noch nie gegeben hat. Ganz früh am Morgen macht sich der Teufel wieder auf den Weg nach oben und bittet um Audienz. Völlig derangiert, mit blutunterlaufenden Augen steht er vor dem Schöpfer und sagt: „Das geht so nicht!“ Ohne Triumphgeheul in der Stimme sagt Gott: „Na, kommt da einer mit besonderen Menschen nicht klar? Mh? Sag, wo ist das Problem?“ Mit versteinertem Blick und tonloser, fast brüchiger Stimme antwortet er: „Diese Lache. Es ist diese Lache. Diese markerschütternde Lache voll Lebenslust und Spott. Die raubt mir Kraft und Autorität. Lieber Gott, ich habe das in all den Jahrtausenden noch nicht gemacht, aber ich bitte Dich: Nimm ihn zurück!“ Tief beeindruckt von der ihm vorgetragenen Bitte, zuckt dieser schließlich mit den Achseln. „Wir haben hier unsere Vorschriften. Er hat sich entschieden, ich kann da nichts machen.“ Weil er aber tief in sich denkt, dass für Spott hier nun wahrlich kein Platz ist, verkündet er: „Ich schlage Dir erstmals einen Kompromiss vor. Wir haben hier noch so eine Sternschnuppe, die ist ein wenig baufällig. Schicken wir ihn dahin, der macht da bestimmt was draus.“
Und so lieber Reinhard, stelle ich mir vor, Du sitzt auf Deiner eigenen Sternschnuppe. Und Du wirst viele Menschen treffen, die Du lange nicht gesehen hast. Deine Eltern, Deine Schwester und einige Deiner besten Freunde.
Und dann glaube ich, wird es nicht lange Dauern und es wird Dir langweilig, wie immer, wenn es zu ruhig wird. Und so schaust Du Dich also um auf Deiner Sternschnuppe und denkst Dir: „Es glitzert so, ein bisschen hier, ein bisschen da, warum nicht ein Varieté?““ Ein Varieté der Sehnsucht und der Träume und ich hoffe für Dich, dass Du dort alles leben kannst, was Dir hier unten noch verwehrt geblieben ist.
Und in klaren Nächten wird man es selbst hier unten blinken sehen, Dein Varieté, in dem der letzte Vorhang nicht mehr fallen kann.
Hier unten ist er für Dich gefallen.
Sei Dir gewiss, wir werden Dich NIE und NIEMALS vergessen.
(Text: Jens Neutag/Auszug aus der Trauerrede vom 12.12.11)
Weitere Beiträge...
Seite 1 von 6





