Schutz und Hilfe für Obdachlose

Dez302011
Geschrieben von: Marion Stuckstaette
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„Haus Lebensbrücke“ hilft bei Resozialisierung

Heinz geht auf Platte. Jeden Morgen schnürt er sein Päckchen, wenn er seinen Schlafplatz auf der Parkbank oder unter der Unterführung räumt. Viel zu tun hat er dabei nicht, denn seine Habseligkeiten sind überschaubar, passen in eine Tüte und sind nicht viel mehr als Schlafsack und Folie; gern auch eine Flasche Schnaps zum Aufwärmen. Das meiste trägt er am Körper, denn die Nächte sind kalt geworden. So kalt, dass man kaum glauben kann, dass man sie draußen übersteht. Dann zieht Heinz durch die Fußgängerzone, um ein warmes Plätzchen zu finden. Oft wird er verjagt, fast immer drehen sich die Leute angewidert weg. Ein Grund, mal hinzusehen.

„Am Anfang eines solchen Weges steht in der Regel die Zwangsräumung“, erklärt Ernst Goertz, Leiter der Zentralen Fachstelle für Wohnungsnotfälle. „Einem säumigen Mietzahler, der durch Räumungsklage seine Wohnung verliert, kann man schwer wieder Wohnraum vermitteln.“ Ein finanzielles Gerüst müsse aufgebaut werden, damit Resozialisierung gelingen kann. Doch die Stabilisierung ist meist schwierig. Die Geschichten, die zum Absturz führen, ähneln sich: Scheidung und Verschuldung, Alkohol- oder Drogensucht, Depression und am Anfang oder am Ende der Jobverlust. Irgendwann kann die Miete nicht mehr bezahlt werden. Eine kleinere Wohnung müsste her, aber so leicht ist die als Arbeitsloser nicht zu finden. Manche stecken den Kopf in den Sand, sitzen die Sache aus. Ist man erst einmal zwangsgeräumt und bei der Schufa registriert, so gibt es wenig Perspektiven.
Die Stadt verfügt über 24 Wohneinheiten, in denen zwangsgeräumte Familien und Bürger übergangsweise unterkommen können. Aber viele tauchen kurz vor der Zwangsräumung unter, flüchten, ob aus Überforderung oder Angst vor Rechtsverfolgung. Verschuldung und Sucht gehen nicht selten mit Kriminalität einher. Ausweg- und Hilflosigkeit enden so auf der Parkbank oder auch im Knast. „Unsere Aufgabe ist es, Wege aufzuzeigen, wie man wieder ins Leben findet“, erklärt Bettina Kiniziak. Die 36-jährige Sozialpädagogin weiß, wovon sie spricht, hat als Streetworkerin gearbeitet und betreut seit drei Jahren Obdachlose in der Männer-Notschlafstelle „Hin und Herberge“. Daneben arbeitet sie mit vier weiteren Sozialarbeitern im „Haus Lebensbrücke“, einer Einrichtung zur Wiedereingliederung Obdachloser. „Wir sind da, um zuzuhören. Aber einen Großteil unserer Arbeit verbringen wir mit Antragswesen.“ Vor ihr auf dem Schreibtisch liegt ein rund fünf Zentimeter dicker Ordner. „Der junge Mann hier ist gerade mal 20 Jahre alt. Das ist seine Akte. So viel Papier muss man ausfüllen, damit er an Geld kommt.“ Mit den Formalitäten seien die meisten Hartz IV-Empfänger überfordert. Mit den Fristen kommen sie nicht klar. „Es dauert rund 12 Wochen bis ein Antrag auf Arbeitslosengeld II durch ist. Wenn man das nicht vorher berücksichtigt, dann gibt es erst einmal kein Geld“, sagt Kiniziak.  „Welcher Vermieter lässt sich da vertrösten?“  

Mit Respekt Hoffnung geben

Berührungsängste hat die zierliche Frau nicht. „Ich komme gut klar mit den Männern. Sie sind dankbar für Hilfe, brauchen mal einen, der für sie da ist.“ Übergriffe und Aggressionen ihr gegenüber habe sie noch nicht erlebt. Sie werde mit Respekt behandelt. Selber mache sie das ebenso. „Letztendlich kann das jedem passieren.“ Manche hätten von zu Hause aus keine Chance, aber die Klientel sei weit gefächert. Auch Ingenieure und Lehrer hätte sie schon betreut. An einen Fall erinnert sie sich, da hat ein Mann Frau und Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren. Er trank keinen Tropfen Alkohol, aber hatte völlig den Boden unter den Füßen verloren, als er das erste Mal in die „Hin und Herberge“ kam. Heute hat er wieder eine Wohnung; auch einen Job. Aber leider sei das die Ausnahme. Eine Aussicht auf eigenen Wohnraum für Menschen, die wieder stabilisiert sind, das wäre prima. Im „Haus Lebensbrücke“ legen sie alles daran, dass das gelingt. Hier gibt es Regeln und ein Punktesystem. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus. 38 Männer, auf vier Gruppen verteilt, finden in Ein- und Zweibettzimmern Unterkunft. Die 364 Euro monatlich vom Jobcenter müssen sie abgeben. Davon erhalten sie wöchentlich 60 Euro Verpflegungsgeld zurück. Einkaufen, kochen und putzen muss jeder für sich. Für gemeinsam genutzten Raum wie Bad, Küche und Aufenthaltszimmer wird ein Plan erstellt. Drogen sind verboten, harter Alkohol wie Schnaps und Whisky tabu. Wer unentschuldigt nicht bis 23 Uhr zurück im Haus ist oder klaut, füllt sein Punktekonto. Diebstahl ist ein Problem, daher wird hier alles verschlossen, selbst die Kühlschrankfächer. Denn Geld haben sie alle zu wenig.
„Das ist manch einem zu hart“, so Kiniziak. „Aber nur mit Disziplin schaffen die Bewohner die Rückkehr in ein geregeltes Leben.“ Und einige sind auf dem besten Weg. Sören hat das Schicksal besonders getroffen. Der 30-Jährige leidet von Geburt an unter dem Usher-Syndrom. Er ist schwerhörig und sehbehindert, sein Zustand verschlechtert sich mehr und mehr. Bald wird er blind und taub sein. Seine Freundin, die ihn in der Wohngruppe besucht, hat er in der Drogentherapie vor 3 Jahren kennen gelernt, wo die Gehörlose wegen psychischer Probleme behandelt wurde. Seitdem sind sie ein Paar und Sören clean. Er will wieder Fuß fassen, hat Gebärdensprache gelernt und arbeitet sich in Blindenschrift ein. Sören sucht, wie seine 43-jährige Freundin, einen Job. Doch obwohl Diana einen Abschluss von der  Hauswirtschaftsschule und eine eigene Wohnung vorweisen kann, findet sie mit ihrer Behinderung keine Arbeit als Küchenhilfe oder Putzkraft. Wenn das klappt, wollen sie zusammenziehen. Sie suchen eine Wohnung. Wie die meisten hier. Doch Sören ist zuversichtlich: „Vielleicht liest das einer, der einen Job oder ein Zuhause für uns hat.“
(Kontakt-Tel. Haus Lebensbrücke: 02131-568590)

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