Neusser Leben
Der Kulturrucksack NRW wird von Anfang an in Neuss geschnürt
Warum das gut und wichtig ist
In den letzten Tagen des alten Jahres erreichte uns noch diese gute Nachricht: Eine unabhängige Jury des Landes wählte Neuss als eine von 28 Pilotkommunen für das neue Projekt „Kulturrucksack“ aus.
Was Kulturdezernentin Dr. Christiane Zangs freudig mit einem „Darauf sind wir wirklich sehr stolz“ goutierte, geht auf ein Konzept von Kulturamtsleiter Harald Müller, dem Leiter der Alten Post Hans Ennen und der zukünftigen Projektbeauftragten Britta Franken zurück. Nun gibt es die Chance, ein kulturelles Vakuum zu füllen. Ein Vakuum, erzeugt durch Schulen, die immer weniger Hort der (auch kulturellen) Bildung und immer mehr Rekrutierungs- und Reproduktionsgehilfen der Wirtschaft sind. Der dünne Faden von Schule und Schüler zu Kunst und Kultur droht zu reißen. Nicht jedes Elternhaus ist in der Lage, dieses Manko abzufedern. Die Gesellschaft driftet weiter in Reich und Arm, kultiviert und bildungsfern auseinander. Gerade deshalb ist das Projekt eine Chance, die genutzt werden muss.
Harald Müller: „Aus meiner Sicht ist die Hauptbotschaft, dass die jüngeren Jugendlichen im Alter von 10 bis 14 Jahren, die sich in dieser Altersgruppe auf der Suche nach ihrer Identität und ihren Interessen befinden, möglichst gute Chancen unabhängig von finanziellen oder sonstigen Schwellen erhalten sollen, sich aktiv oder passiv mit Kunst und Kultur in Neuss zu beschäftigen. Kreative, sinnliche, künstlerische Ausdrucksformen bereichern unser Leben und junge Menschen können dafür besonders offen sein. Die Kulturinstitute werden sich alle Mühe einer altersgerechten Ansprache geben. Wir werden wahrscheinlich einen zentralen Flyer für das Gesamtprogramm herausgeben und alle Angebote auf die Internetseite stellen. Auch auf www.neuss-kultur.de werden wir regelmäßig über den Stand der Dinge berichten.“
Derzeit arbeitet man in Neuss jedenfalls mit Hochdruck am Konzept und überlegt, alle der etwa 8.000 potentiellen Nutznießer der Aktion persönlich per Post anzuschreiben. Die Kulturschaffenden in Neuss stellen sich der Aufgabe, die Motivation der Jugendlichen zur Beteiligung an kulturellen Aktivitäten herauszukitzeln. Unabhängig vom sozialen und kulturellen Hintergrund, wobei es gilt, Kinder und Jugendliche mit sozialen Benachteiligungen besonders einzubeziehen. Keine finanziellen Beiträge sollen ihren Wünschen im Wege stehen.
Ob die „Classic Education“ im Rahmen der Zeughauskonzerte, die Aktionen im Rheinischen Schützenmuseum, die verschiedenen künstlerischen Aktivitäten in der Alten Post oder etwas ganz anderes – derzeitig entsteht ein vielfältiges Programm. Wahrscheinlich wird eine Art „kulturelle Stadtrallye“ den Jugendlichen und deren Eltern die vielfältigen Möglichkeiten eröffnen. Eine Koordinierungsstelle ist landesweiter (zentraler) Ansprechpartner für Jedermann und unterstützt die Kommunen bei der Umsetzung des Projekts: www.kulturrucksack.nrw.de
Die 28 Pilotkommunen machen bis zum Ende der Erprobungsphase im Jahr 2015 mit, bis dann für alle 10- bis 14-jährigen in NRW „Kulturrucksäcke“ angeboten werden (sollen). Wir sind gespannt!
Neuss im Roman…Zurück ins Mittelalter!
Das „düstere“ Neusser Mittelalter fasziniert offenbar Neusser Autoren. So auch Frank Kurella, der gleich zwei Romane in diese Zeit verlegt hat: Sein Debüt „Das Pergament des Todes“ von 2007 und den Folgeband „Der Kodex des Bösen“ von 2009. Zwei spannende Geschichten rund um den jungen Marcus und seine Freunde, die die Leser ins späte 13. Jahrhundert versetzen und vor einem wahren historischen Hintergrund spielen.
„Ich spüre in Neuss die Tradition und die Geschichte. Das gefällt mir“, sagt Frank Kurella. 1964 in Düsseldorf geboren, lebt er schon seit 1995 mit seiner Familie in Neuss und fühlt sich auch als Neusser: „Das „Sich-als-Neusser-Fühlen“ hat sich sehr schnell durch das Interesse an Historischem und mit meinen Aktivitäten im Schützenwesen eingestellt“. Am Beginn seiner schriftstellerischen Arbeit stand aber zunächst einmal ein Comic. Ein Ausstellungskatalog des Clemens-Sels-Museums über Neuss und die Hanse im Mittelalter hatte Kurella auf diese Zeit Neusser Geschichte aufmerksam gemacht. Bei weiteren Recherchen stieß er auf viel Fachliteratur, „die jedoch für einen interessierten (Laien-) Leser oftmals ‚überqualifiziert‘“ war: „Deswegen habe ich mir gedacht: Die Geschichte muss doch auch in „bekömmlicher“ Art vermittelbar sein. So wurde meine Idee zum Comic „Neuss im Mittelalter“ geboren“. Das war 2004. Eine Menge Material und Ideen blieben aus dieser Arbeit übrig, doch es sollte danach noch drei weitere Jahre dauern bis Kurella, der hauptberuflich als Bankkaufmann und nebenher noch als Grafiker arbeitet, den ersten eigenen Roman im Gmeiner-Verlag veröffentlichen konnte.
Der falsche Kaiser von Neuss
„Wichtig war mir, den Grundgedanken des Comics „Historische Wahrheiten auf unterhaltsame Weise zu vermitteln“ beizubehalten“, erzählt Kurella. So hat er sich als Hintergrund für sein Debüt eine wahrhaft skurrile Begebenheit der Neusser Geschichte herausgesucht. 1284 wurden die Neusser Bürger nämlich Opfer eines Hochstaplers: Tile Kolup, „ein einfacher alter Mann aus dem Volk“, hielt als der totgeglaubte und hochverehrte Kaiser Friedrich II. Einzug in Neuss und wurde dort mit Freude empfangen und beherbergt. Hiermit verknüpft der Autor den fiktiven Kriminalfall um den Straßenjungen und Taschendieb Marcus, der versehentlich das „Pergament des Todes“, einen Brief mit brisantem Inhalt, stiehlt und so in einen verhängnisvollen Strudel von Mord und Intrigen rund um den vermeintlichen Kaiser gerät. Kurella war dabei nicht nur die genaue Recherche der historisch verbürgten Ereignisse wichtig, sondern auch die korrekte Schilderung mittelalterlichen Lebens. Etwa ob ein Kutscher tatsächlich auf einem „Bock“ sitzt oder nicht vielleicht doch steht oder ob ein Mann seines Standes Pfeife raucht und wenn ja, was dann in der Pfeife ist. Details also, die seiner Meinung nach „gar nicht so augenscheinlich sind und dennoch vielen fachkundigen Lesern auffallen“. Dafür hat er eng mit dem Neusser Stadtarchiv zusammengearbeitet und ist auch zur „Stimmungsaufnahme“ an den Ort damaligen Geschehens gefahren wie in die Abtei Brauweiler in der Nähe von Köln, die in seinem zweiten Roman vorkommt.
Raub der Reliquien
„Der Kodex des Bösen“, spielt nämlich im Jahre 1288 und führt den inzwischen zum jungen Mann gereiften Marcus bis in die berühmte Schlacht von Worringen, die Kurella „als Kontext für fiktive Mysterien, Raubmorde und Liebe“ dient. Marcus wird diesmal, natürlich zu Unrecht, beschuldigt, die Reliquien des Heiligen Quirinus gestohlen und einen Priester umgebracht zu haben. Er flieht aus Neuss, findet die Liebe seines Lebens und neue Freunde, aber kommt auch hinter ein unglaubliches Geheimnis. Die Geschichte birgt also auch alle Zutaten, die man von einem spannenden Mittelalter-Roman erwartet.
Zurzeit hat Frank Kurella wenig Zeit zum Schreiben, aber noch viele Ideen: Vom Thema „Neuss in der Franzosenzeit“ bis zur „augenzwinkernden Gesellschaftssatire der heutigen Zeit“ kann er sich einiges vorstellen. Für Lesungen, die er immer mit mittelalterlicher Musik und entsprechender „Gewandung“ abhält, lässt er sich aber durchaus gerne engagieren! Mehr dazu unter www.neussgierig.de.
Karneval und Kirche im Rheinland – Ein jeckes Paar?
Die „fünfte“ Jahreszeit hat schon längst am „11.11. um 11 Uhr 11“ begonnen, aber der Höhepunkt steht noch bevor: vom Altweiber-Donnerstag am 16. Februar bis zum Aschermittwoch am 22. Februar wird im Rheinland und hier in Neuss hemmungslos gefeiert, gesungen, geschunkelt, getanzt und gelacht. Doch was hat dieses jecke Treiben mit der Kirche zu tun? Jedenfalls mehr als den meisten Karnevalsbegeisterten heute noch bewusst ist.
„Ohne den christlichen Glauben gäbe es den Karneval in der uns hier bekannten Form nicht“, davon ist Monsignore Guido Assmann, Oberpfarrer am St. Quirinus-Münster überzeugt. Und damit liegt er absolut richtig. „Fastnacht, Fasching oder Karneval sind seit dem 12. Jahrhundert auf die Zeit zwischen Dreikönige und Aschermittwoch eingegrenzt. Warum? Weil Fastnacht – also die Nacht vor dem Fastenbeginn – (…) am Vorabend des Fastenauftakts am Aschermittwoch entstand und sich dann ausweitete“, erklärt der Brauchtumsexperte Professor Manfred Becker-Huberti. Das Karnevalsfest auch in seiner heutigen Form hängt also unmittelbar mit der vorösterlichen Fastenzeit der Katholiken zusammen. Diese Fastenzeit war gerade im Mittelalter noch eine strenge Angelegenheit. Verboten waren 40 Tage lang „Fleisch, Fett, Alkohol und alle Laktizinien (Milch, Butter, Käse ...) und Eier“, so der Theologe aus dem Rhein-Kreis Neuss. Für die Menschen damals ergab sich daraus laut Becker-Huberti folgendes: „In den Zeiten, in denen man nichts von den verbotenen Lebensmitteln über die Fastenzeit aufbewahren konnte, (…) blieb nur eins übrig: Die Lebensmittel mussten gegessen und getrunken werden. Das geht am besten, wenn man zusammen feiert, singt, tanzt, isst und trinkt“.
Kumm, loss mer fiere
Natürlich gab es auch schon viel früher karnevalsähnliche Feste, etwa die römischen Saturnalien, bei denen scherzhaft die Rollen von Sklaven und Herren vertauscht wurden oder germanische Vorfrühlings- und Fruchtbarkeitsfeste, an denen symbolisch der Winter vertrieben werden sollte. Aber „ab dem 12. Jahrhundert entsteht die Fastnacht als ein quasi religiöses Brauchtum“, sagt Becker-Huberti. Es ist ja auch kein Zufall, dass das Datum der Karnevalstage variiert. Es richtet sich nämlich immer nach dem Ostertermin und der vorhergehenden Fastenzeit. Während die Fastenzeit als „Zeit des Geistes“ die Menschen auf das Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi vorbereiten sollte, wurde die Fastnacht entsprechend „zu einer Zeit des Fleisches, in der alles – natürlich nur in gespielter Form! – erlaubt war, was sonst nicht toleriert wurde. Man schlüpfte in die Rolle der Feinde der Christenheit und wurde Teufel, Hexe oder Dämon“, so der Professor. Der Neusser Oberpfarrer Assmann ergänzt dazu: „Der Christ weiß, beides gehört zum Leben: Zeit des Feierns und Zeit der Besinnung. Daher wird besonders im katholisch geprägten Rheinland Karneval gefeiert“. Auch er selbst feiert gerne mit, etwa im Pfarrkarneval oder beim „Nüsser Ovend“: „Ich freue mich, wenn Kirche und Karneval die Verbindung eingehen, die ihr vom Ursprung auch gut zu Gesichte steht.“ So gibt es schon seit drei Jahren zu Jahresbeginn eine eigene Messe in St. Quirinus für die Neusser Karnevalisten: „Das ist eine farbenfrohe Feier, mit Freude und allem notwendigen Ernst.“
Übrigens: Sogar im Wort „Karneval“ selbst steckt der Bezug zur Fastenzeit. Das lateinische „Carne vale“ bedeutet nämlich so viel wie „Fleisch, lebe wohl“. Doch zuerst sagen wir: „Ons Nüss helau!“
Augenblicke des Neusser Karnevals
Michael Ritters ist im Karnevals-Ausschuss der Stadt Neuss verantwortlich für die Fotos und das Archiv. Getreu seines Mottos „Den Karneval in Neuss fest im Fokus, unterwegs mit den Karnevalisten und gleichzeitig Teil des Ganzen sein“ hält er mit seiner Kamera Momente, auch flüchtige, für die Ewigkeit fest.
Michael Ritters schildert uns seinen karnevalistischen Werdegang: „Anfangs bin ich mit der Fußgruppe unseres Tennisvereins mitgelaufen, war später in der Jury zur Wahl der besten Fußgruppen und schönsten Wagen und habe von der kleinen Bühne den Umzug fotografiert. Dann ging’s ganz schnell. Nachdem mich im Frühjahr 2010 der Präsident Jakob Beyen fragte, ob ich für den Karnevals-Ausschuss ein paar Fotos mehr machen könnte, war ich – eh ich mich versah – Mitglied im KA und auch noch ihr Archivar. Die Aufgabe ist abwechslungsreich, manchmal ernst, aber meist extrem lustig. Es ist der Umgang mit Menschen, querbeet durch alle Alters- und Gesellschaftsklassen, die nur ein Ziel verfolgen: Anderen eine Freude zu bereiten.
Nicht die Bühne der großen Stars, es sind die kleinen Dinge am Rande, die den Karneval prägen“, so Ritters weiter. Spannend sind Geschichten aus den Anfängen. 1970, gerade mal ein Wagen, statt Kamelle gab es nur ein Helau und zum Schluss noch eine Reifenpanne –
und das auch noch an einem Rosenmontag. 1972 waren es dann bereits 18 Großwagen und der Umzug am Sonntag. Manfred Schlaak, damals Prinz, hatte seine Novesia Hannelore erst unmittelbar vor der Proklamation kennengelernt.
Oder wie Willi Longerich über seine Rode Husaren berichtet: „Die Husaren sind normalerweise eine berittene Truppe. Allerdings haben unsere Karnevalisten nie Pferde besessen, sondern sind aus einem Vespaclub entstanden und haben sich Husare genannt, weil es die in Neuss noch nicht gab.“ Willi Longerich hatte noch nicht mal eine Vespa, aber die gleiche Stammkneipe, „Stratmeyer“ an der Rheydter Straße. Das reichte zum Husaren.
Das Karnevalsfieber wird weiter übertragen, auf die Kinder und deren Kinder
Die lustigen Begebenheiten und Histörchen der Veteranen bleiben. Da wird den oben genannten Husaren das Maskottchen entführt und nur gegen Lösegeld, natürlich für den guten Zweck, in die Freiheit entlassen. Oder mal eben der Nachbarstadt fürsorglich das Zepter in Verwahrung genommen gegen eine gehörige Portion Gerstensaft als Auslöse wieder zurückgegeben.
Michael Ritters Fazit: „Der Kappessonntagsumzug ist und bleibt der absolute Höhepunkt der Session. Wer noch nie dabei war, der hat was verpasst. Es wird geschunkelt, gefeiert und sicherlich auch gebützt. So war ich im letzten Jahr bei der KG Fidelitas auf dem Wagen. Hätte ich meine Kamerahaltung nicht dem Rhythmus der Karnevalisten angepasst, wären die Bilder allesamt verwackelt.
Alles in allem: Ich mache gerne viele bunte Bilder, wir Karnevalisten sind eine große Familie, in die ich herzlich aufgenommen wurde und ich freue mich auf viele heitere Stunden.“
Seine Freizeit zwischen den närrischen Jahreszeiten opfert er der Archivarbeit. Es soll schließlich zum vier mal elften Jubiläum des KA im Jahre 2014 eine prächtige Chronik entstehen.
www.neusser-karneval.de
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