Neusser Kultur

Verrat der Liebe aus Angst vor Verlust

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Apr272012

Shakespeares „Das Wintermärchen“ im Rheinischen Landestheater

Im Märchen gibt es die Bösen und die Guten, trifft Gier, Wahnsinn und Besessenheit auf Unschuld und Tugend. Über allem aber thront die Macht der Liebe, schafft sie es, die Gewalt zu brechen. So ist es auch in Shakespeares Wintermärchen. Ein Werk, das sich nicht um Wahrheit und Möglichkeit schert, das in Handlung, Zeit und Ort seine eigenen Wege zaubert. Ein komplexes Phantasiegebilde, das aus der zerstörerischen Kraft menschlicher Angst einen seelischen Abgrund baut und eine wundersame Geschichte erzählt. Im RLT brachte Intendantin Bettina Jahnke die weitgewebte Utopie nun zur Premiere. Mit modernem Gestus in die Gegenwart versetzt, ist es ein Spiel mit dem Spiel der Einbildung.

Was passiert, geschieht im Publikum, nicht auf der Bühne, das ist Shakespeares Theaterkraft. Vision ist der Kern der Spannung. Mögen seine Geschichten noch so phantastisch zurechtgesponnen sein, mit den Sehnsüchten und Gefühlen seiner Menschenbilder trifft er doch Realität. Auch im Wintermärchen geht es um große Emotionen, die das Handeln der Figuren dirigiert. Es ist die Angst, die den Menschen in die Zerstörung treibt, ihn in Wahnvorstellungen verstrickt. Leben existiert nicht ohne Tod, Glück kann ohne Unglück nicht bestehen, das war auch vor Shakespeare schon bekannt. Manch Erfolg kann nicht genossen werden, da die Furcht vorm Absturz ihn längst bedroht. Der Mensch, der liebt, mag nicht nur strahlen, da die Sorge um Verrat sein Bewusstsein trübt.
Und schon ist man tief in Shakespeares Wintermärchen. Denn König Leontes von Sizilien sollte sein Leben genießen. Der von ihm hoch geschätzte Polixenes, König von Böhmen, ist sein Gast. Ein Freund wie ein Bruder. Leontes hat einen gesunden Sohn, der seine Thronfolge garantiert und eine schöne, ihn liebende und verehrende Frau, Hermione, die kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes steht. Ein Grund zum Feiern, ein Grund  zur Ausgelassenheit am Hof. Die Menschen sind glücklich und lachen, doch das ist König Leontes unheimlich. Er kann sein Glück nicht greifen und sucht nach dem Unheil, das darin verborgen liegt. Argwohn, Spekulation und Eifersucht erwächst und treibt ihn um. So entspinnt er aus seinen Ängsten einen Wahn von Betrug und Ehebruch, will seinen vermeintlich falschen Freund Polixenes ermorden lassen; verstößt, entwürdigt und verurteilt seine Frau Hermione. Zwar gibt es keinen, der sein Misstrauen bestätigt, doch gerade das ist sein Beweis: Alle am Hof haben sich gegen ihn verschworen. Ein Komplott scheint es zu sein, dem er sich mehr und mehr mit Vernichtung entgegenstellt.

Angst läuft der Wirklichkeit voraus

Es ist ein Stück der Gegensätze. Hier Leontes‘ Sizilien, kalt und argwöhnisch. Dort Polixenes‘ Böhmen, farbenfroh, ausgelassen und naturverbunden, an dessen Ufer Leontes‘ verstoßene Tochter Perdita („die Verlorene“) als Baby ausgesetzt wird. Sie wächst bei einem Schafhirten auf und – nach einem Zeitsprung von 16 Jahren – verliebt sie sich in den Thronfolger Böhmens, Florizel, Polixenes‘ Sohn. Winter in Sizilien steht gegen Sommer in Böhmen. Kahle Wände gegen Blumen, Fische und Üppigkeit.

Bettina Jahnke baut in ihrer Inszenierung auf die Macht der Bilder, die in Shakespeares Worten steckt. Zwei Länder, wie sie verschiedener kaum sein könnten. Doch egal wie ausgelassen sich das Spiel gestaltet, Angst und Spekulation laufen der Wirklichkeit stets voraus, in Sizilien wie in Böhmen. Ein Faden, der die Geschichte mit Realität vernetzt. Jahnke unterstreicht dies mit Bezügen zur Gegenwart. So wird aus Shakespeares Orakelspruch, der die Wahrheit über die Treue der Königin bringen soll, ein Vaterschaftstest. Die Gerichtsverhandlung in Sizilien wandelt sich zum öffentlichen Schauprozess im TV-Show-Format.

Besonders einfallsreich und geschickt frisiert sie das Schäferfest in Böhmen, auf dem Perdita und Florizel ihre Heirat verkünden, zur rauschhaften Liebesorgie um. Gegenstände erzeugen Töne und gestalten Musik. Klang- und Sinnbilder, Gesang und Gesten, damit malt sie Handlung, Leidenschaft und Emotion dieser Szene. Eine Interpretation von Shakespeares Spätwerk, die zudem auf die Facetten der Figuren setzt, in Wucht und Spanne. Katharina Dalichau brilliert als mahnendes, sich dem König widersetzendes Kindermädchen. André Felgenhauer, als Autolycus auf Stöckelschuh in enggeschnürtem Rüschenkleid, stellt einmal mehr seine große Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Emilia Haag als Naturkind Perdita, keck und ängstlich zugleich, Henning Strübbe als vollkommener Charmeur Polixenes und Michael Großschädl, der jedem noch so kleinen Auftritt Glanz verpasst; die Riege der Schauspieler überzeugt durchweg. Nicht zuletzt Michael Putschli als vom Wahn besessener Despot Leontes.

Es ist ein Märchen, bei dem Tote zu Leben erwachen und die Phantasie die Zügel hält. Wie sagt Autolycus: „Es gibt noch viel zu tun für jemanden, dem viel einfällt.“

 

Forschen aus Leidenschaft

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Apr272012

Jäger der verlorenen Geschichte im Clemens-Sels-Museum

Manchmal geht Geschichte seltsame Wege, das Leben auch. Manchmal vollbringen nicht diejenigen Menschen Großes, von denen man es erwartet. Aber meist sind es solche, die fest an etwas glauben, ihren ganzen Eifer in eine Sache stecken. Constantin Koenen war so einer. Als Hobbyarchäologe begann er auf eigene Faust nach dem lang gesuchten Legionslager des römischen Novaesium zu graben. Seine Mühe war erfolgreich, sein Fund spektakulär. Die aktuelle Ausstellung des Clemens-Sels-Museum „Jäger der verlorenen Geschichte“ erzählt von solchen Neusser Forscherpersönlichkeiten, berichtet von ihren Antrieben, erläutert ihre Arbeit und informiert über die Fortentwicklung der Forschungsmethoden.

Constantin Coenens Entdeckung des antiken Kastells Novaesium war ein unglaublicher Erfolg, lenkte schlagartig das Interesse internationaler Archäologie auf Neuss. Die Begeisterung für Archäologie und Geschichte entfachte bei ihm früh. Schon als Jugendlicher sammelte er römische Scherben und Fossilien. Mit sechs Jahren siedelte er mit seinen Eltern und acht Geschwistern nach Neuss über, wo sein Vater als Hafenmeister arbeitete. Wegen mangelnder schulischer Leistung schien sein Wunsch, Archäologe zu werden, unerreichbar. Aber die Zeit sollte anderes bringen. Als 32-Jähriger verfolgte er in Eigenregie seine Vermutung, das bei Tacitus beschriebene Militärlager im Bereich des heutigen Neusser Gnadentals zu finden. 1886 startete er seine Sondierungsgrabungen und wurde fündig. Bereits nach drei Tagen stieß er auf die ersten Mauern. Eine sensationelle Entdeckung, die ihm schnell Aufmerksamkeit und Unterstützung brachte. Im Auftrag des Rheinischen Provinzialmuseums Bonns grub er das Lager von 1887 bis 1900 vollständig aus. Noch heute ist es das einzige komplett freigelegte Legionslager der Welt.
Aber das waren nicht die ersten archäologischen Funde, die Neuss zu verzeichnen hatte. Seit Jahrhunderten übt die römische Vergangenheit eine große Anziehungskraft auf Neusser Bürger aus, treibt die Begeisterung für die Antike die Forschung an. Erste Hinweise gibt es aus dem Jahr 1482. Funde von Grabsteinen, Sarkophagen und Skulpturen sind aus dem 17. Jahrhundert bekannt. Einer der archäologischen Pioniere, der das römische Novaesium erforschte, war der Regimentsarzt Dr. Hermann Jäger (1792-1848). Er führte erste Ausgrabungen im Bereich römischer Fundstellen durch und gründete den Neusser Altertumsverein. Auch der Apotheker und Fabrikant Dr. Clemens Sels (1822-1893) begann bereits in früher Jugend, Altertümer aller Art zu sammeln. Neben kunstgewerblichen Objekten und Gemälden trug er eine beachtliche Sammlung archäologischer Funde zusammen. Sein Vermächtnis an die Stadt Neuss bildet den Grundstock für die heutige archäologische Sammlung des Clemens-Sels-Museums.
Doch wer waren diese Menschen? Worin lagen ihre ungeheuerliche Faszination und ihr Tatendrang begründet? Die Ausstellung „Jäger der verlorenen Geschichte“ geht dieser Frage nach, durchleuchtet das Leben der schillernden Sammler- und Forscherpersönlichkeiten, berichtet über ihr Schaffen und ihre Begeisterung für die Archäologie. Einblicke in die Entwicklung archäologischer Forschung werden gegeben und an interaktiven Stationen zum Mitmachen angeregt. Eine attraktive Darbietung für die ganze Familie. Eine Reise in eine „wiedergefundene“ Zeit. (Vom 6. Mai bis 19. August. Nähere Infos unter www.clemens-sels-museum.de)

 

Schmökern, quatschen und aufhorchen

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Mär042012

Ladies‘ Night mit Kabarett in der Stadtbibliothek

Es ist nicht das erste Mal und wahrscheinlich nicht das letzte. Aber etwas Besonderes ist es schon, wenn die Stadtbibliothek einmal pro Jahr ihre Türen exklusiv fürs weibliche Publikum öffnet. Ladies‘ Night steht dann auf dem Veranstaltungskalender und das Angebot ist verlockend: Stöbern am Abend, Sekt trinken und dazu Kabarett genießen. So wird es gemütlich im gläsernen Haus am Neumarkt; und auch ein wenig lauter. In diesem Jahr ist die Kabarettistin Dagmar Schönleber mit ihrem neuen Programm „Schöner leben“ zu Gast.

So kennt man sie, so mag man es: Die Kabarettistin Dagmar Schönleber ist nicht so schrill und laut wie ihre Kollegen, aber ihre Songs und Ansagen haben es in sich. Mitunter steht sie einfach da, ruhig, manchmal fast kindlich. Immer frech. Gern mit Gitarre, denn ihre Hit-Umdichtungen sind berüchtigt, streuen züngelnde Würze ins Publikum, mögen sie noch so nett daherkommen. Dagmar Schönleber, das ist Kabarett einer eigenwilligen Art, ist Lesung und Comedy in einem. Die Ostwestfälin, die sich vor Jahren fürs Rheinland entschied, ist nicht dröhnend, nicht vulgär, irgendwie fast schlicht. Gerade das macht den Sprengstoff aus. Das ist kein Comedy-Klamauk, das ist Beobachtungsgabe und feines Sprachgespür. Skurril ist es schon. Und Böse darf es auch sein.

Somit ein perfekter Gast zur Ladies‘ Night am 10. März in der Stadtbibliothek. Von 18 bis 22 Uhr lädt das Haus exklusiv sein weibliches Publikum zum Stöbern und Ausleihen ein. Um 19:30 Uhr startet das Highlight des Abends, der Auftritt der Kölner Kabarettistin, die so manche als Fräulein Schochz aus der WDR-Sendung „Stratmanns“ kennen. 2003 gewann sie den Bielefelder Kabarettpreis. Seitdem tourt sie erfolgreich durch Kneipen und Theater im gesamten Bundesgebiet, TV-Auftritte wie bei den „Mitternachtsspitzen“ inbegriffen. Sie arbeitet als Autorin, auch im Jugendbereich, schreibt für Kindermusicals, gibt Workshops zum Improvisationstheater und engagiert sich im Sektor Gewaltprävention. Ein weites Feld und eine Menge Einblick in verschiedene Lebensbereiche, denn die studierte Sozialarbeiterin jobbte als Handwerkerin, Visagistin, Kellnerin, Straßenabsperr-Kraft und in der Psychiatrie. Kein Wunder, dass sie vom  Leben zu berichten weiß. Aber keine Sorge, bar ernst geht es bei ihr nicht zu.

Es sind die „ganz großen“ Themen des Lebens, die sie anpackt, an denen der Einzelne oft scheitert: Ist Amoklaufen ein Ausgleichssport? Funktioniert die U-Bahn als Wellnessoase oder wie viel Superstar steckt in einem jeden von uns? Sicher, wir haben gelernt, viele Probleme unseres Alltages zu delegieren und außer Haus zu lösen. Auch Frau Schönleber weiß, dass man sich heut zum Aufräumen ein Fernsehteam ins Haus holt, Hund und Kinder vom Profi erzogen werden und dass man Frauen besser austauscht, wenn sie im Kochduell verlieren. Große Sorgen können wir schon „outsourcen“. Doch für manche gravierenden Fragen stehen die Antworten noch aus…
(Weitere Infos zur Ladies‘ Night am 10. März von 18 bis 19:30 Uhr unter www.stadtbibliothek-neuss.de. Der Eintritt kostet 10 Euro, inklusive einem Glas Sekt. Kartenvorverkauf gibt es in der Stadtbibliothek, bei der Gleichstellungsbeauftragten im Rathaus, Markt 2, und in der Tourist-Info. Die VVG beträgt 1 Euro.)

 

Sehnsucht nach Liebe und Gier der Triebe

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Geschrieben von: Marion Stuckstaette
Mär042012

„Liebelei“ im Rheinischen Landestheater

Sehnsucht haben sie, Männer und Frauen. Begierden auch. Liebe nennen sie es. Manche. Manche nennen es auch gleich Spielerei oder Abenteuer. Heuchelei steht häufig dahinter. Arthur Schnitzler nennt es zynisch „Liebelei“ in seinem Bühnenerfolg von 1895 am Wiener Burgtheater. Er forschte den Antrieben und Trieben menschlichen Paarungsverhaltens hinterher und entblößte die Scheinheiligkeit ehrwürdig bürgerlichen Treibens. Regisseur Marc Lunghuß, den man in Neuss schon aus dem genauso erfolgreichen wie wenig zimperlich inszenierten „Törless“ kennt, holt den Stoff fürs RLT eindringlich fokussiert auf die Charaktere ins Hier und Jetzt.

Es gibt keine erotische Beziehung, in der von den Liebenden die Wahrheit nicht immer gefühlt und nicht immer wieder jede Lüge geglaubt würde“, so Arthur Schnitzler. Er war kein Dichter der umschweifenden Worte. Klartext reden und Aufräumarbeit in einer feinen und sauberen Wiener Gesellschaft war eher sein Metier. Sex, Betrug und Triebhaftigkeit, das waren seine Themen. Feinbürgerliche Heuchelei und Selbstbetrug inbegriffen. Sittlichkeit, Moral und Konvention enttarnt als Farce. Standesdünkel als Deckmantel maßloser Freizügigkeit. Der promovierte Mediziner brachte ans Licht, was die Wiener Herrschaften der Jahrhundertwende lieber im Verborgenen trieben. Aber es war weniger das böse Spiel, das ihn interessierte. Vielmehr waren es die Seelen derer, die diesem Treiben gesichert und zeitlos den ewigen Fortgang garantierten.

„Liebelei“ ist da ein Paradestück. Ein Schauspiel, in dem die Liebe auf den Podest gehoben wird, um Stück für Stück demontiert zu werden. Vier Charaktere, die in ihrem Streben kaum unterschiedlicher sein könnten. Christine, Schnitzlers Hauptfigur, ist ein braves „armes Mädel“, das von der Liebe träumt, rein und hingebungsvoll. Ihr gegenüber steht ihr ersehnter „Prinz“, Fritz, ein elegant charmanter Student aus wohlhabendem Haus. Doch dieser hat ein Verhältnis mit einer verheirateten Dame der „guten Gesellschaft“, das ihm letztendlich auch zum Verhängnis wird. Fritz zur Seite steht sein Freund Theodor, der es mit der Liebe nicht so ernst sieht, sondern sich von unkomplizierten Frauen amüsieren lässt. So versucht er, Fritz von seinem Kummer um die schon vergebene Geliebte zu befreien, indem er einen netten Abend mit zwei „süßen Mädchen“ organisiert: der leichtlebigen Mizi und der tugendhaften Christine. Doch das scheinbar heitere Tête-à-Tête wird durch die Duellforderung des erzürnten Ehemanns jäh unterbrochen. Fritz weiß um sein nahes Ende und versucht, im nahenden Tod Anziehung und Liebe zu begreifen, den inneren Konflikt zwischen treuer Zuneigung und wilder Leidenschaft zu lösen.

Wie Fritz die Welt deutet

Lunghuß‘ Inszenierung konzentriert sich konsequent auf die vier jungen Menschen und ihre gegenläufigen Auffassungen von Liebe oder Erfüllung. Unnötige Handlung, Text und Personen streicht er ein. Hier prallt, fixiert aufs Wesentliche, wilde Leidenschaft auf treue Zärtlichkeit, triebhafte Lust auf unverbindliches Amüsement. Und alle Erregung sucht nach ihrem Grund. Nicht Christine steht hier im Mittelpunkt, kommt hier wahrhaft zu Wort. Es sind die Männer, die sich an den Frauen abarbeiten; es ist ein Fritz, der Liebe zu deuten sucht, der sich windet und wendet, um sich und den Lebensgeist zu verstehen. Überhöhte Gesten und Symbole - ein übergroß an der Decke prangerndes Herz, eine weiße Fliege, die den feschen Fritz eher lächerlich erscheinen lässt - stehen reduzierter Handlung und Kulisse gegenüber. Die Dachwohnung von Christine sieht man nicht. Es ist der Fritz, der sie in seinen Gedanken aufbaut und verklärt, sie vor dem Auge des Publikums aufleben lässt. Ein fesselnd tragisches Spiel von Henning Strübbe als gequält todgeweihter Fritz. Ausgeklügelt kokette Leichtigkeit von André Felgenhauer als Theodor. Daneben eine Mizi, gespielt von Sigrid Dispert, die pfiffig und zugleich nachdenklich überzeugen kann. Und Christine? Sie ist eine, die um einiges betrogen wird. Die als Mahnmal der Tugendhaftigkeit in schlichtes Graubraun und Sprachlosigkeit gehüllt ist. Keine leichte Rolle, um sich Bühnenpräsenz zu verschaffen. Doch Melanie Vollmer schafft in aller Stille und Bescheidenheit genau das zu zeigen, was hier von Bedeutung ist: Ein Mensch voller Hoffnung und Hingabe, der durch naive Aufrichtigkeit und schnörkellose Klarheit an Reiz verliert. Ein Mensch ohne Geheimnis, Geschrei und Tücke, der im selbstsüchtigen, exzentrischen und spaßorientierten Treiben seiner Mitmenschen um sein Dasein betrogen wird und daran untergeht.

 

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